DIE SHORTLIST
Für alle, die wissen, dass wir nur ganz kurz hier sind. Für alle, die entfliehen wollen.
Für alle, die in diesem ganzen Wahn nach Sinn suchen. Hier ist die Shortlist.
Fame in Sicht – diese Bücher stehen auf der Shortlist.
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Partypeople // Stefan Sommer
Der Roman blickt durch die Augen eines super erfolgreichen EDM-DJs in die Welt des großen Geldes, erzählt von Rich Kids, Tech-Oligarchen, performativer Männlichkeit und kapitalistischen Auswüchsen. Trotz eines perfekt anmutenden Lebens versucht der Ich-Erzähler das zentrale Trauma seines Lebens, den Tod der verehrten Mutter, mit Drogen und Medikamenten zu betäuben. Wird er in der Liebe zu einem verheirateten Mann sein Glück finden? Man hofft auf einen Ausweg, und ahnt doch, dass es ihn nicht geben kann.
Die Gegenwart wird durch ihre Codes erzählt – Techno, Social Media, Privatjets, heute Mykonos, morgen Berlin… Sprachmüll, Weltekel und Sehnsucht nach dem Ätherischen allerorten. Definitiv ein Roman zwischen Oberfläche und Ästhetizismus einerseits, Sinnsuche und Abgründigkeit andereseits.
Warum Ihr das lesen sollt? Weil Ihr für einige Zeit in die glamouröse Welt des Protagonisten hineingezogen werdet. Ein wunderbarer Ort, um der Gegenwart zu entfliehen. Es geht, wie immer bei guter Literatur, um alles, was zählt: Liebe, Tod, Bedeutung. Wie wollen wir leben? Gute Literatur!
Erschienen im Otto Müller Verlag
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Das Leben eines Influencers // Daniel Kostuj
Jayden Checker hat keine Seele mehr. 14 Tage lang wird der Leser in das beschleunigte Leben des Influencers Jayden Checker hineingezogen. Wir sind hautnah dabei, UNCUT. Die Zahlen-Exzesse zu Followern, Likes, Kommentaren und Squats sind schwer zu ertragen. Sie drohen den ultramaskulinen Influencer aufzufressen. Selbstoptimierung, Markenwahn und innere Zersetzung. Der Roman persifliert unsere gegenwärtige Influencer-Kultur und verursacht beim Leser Welt- und Sprachekel. Jaydens Innenleben und Körperwahrnehmung sind so überhöht, dass sie ins Grotesk-Magische kippen. Fitness- und Alpha-Sprache, Motivations- und Hate-Kommentare, Markennamen, Selbstoptimierung, Steroidzyklen verschmelzen die Pop-Oberfläche und Jaydens psychische Erosion untrennbar miteinander. Wird er es schaffen, irgendwie aus dem Wahn auszubrechen oder wird er implodieren?
Warum ist dieser Ritt auf unserer Shortlist? Das Buch ist ein geiler, wahnwitziger Trip. Mehr eine Wort-Kunst-Installation, die bedrohlich und dunkel glänzt, als traditionelle Literatur. Es geht hier um alles: Wie wollen wir leben? Was ist der Sinn unserer Existenz?
Erschienen bei Container Press
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Image // Svea Mausolf
Wir begleiten den moralischen, gesellschaftlichen und mentalen Abstieg der 37-jährigen Peggy Brinkmann, die aus finanzieller Not ihre Wohnung in Berlin mit dem narzisstischen Arschloch Martin teilen muss. Ab und an geht sie in die Trinkerkneipe Image, um ihren Job und die Demütigungen ihrer Chefin zu vergessen. Im Laufe des Romans begegnen wir einem traurigen und zugleich perverserweise amüsanten Figurenensemble, von der Alkoholikerin über den Fuckboy bishin zu einer Christfluencerin. Image ist eine düstere, bitterböse Satire auf eine verrohte Gesellschaft, in der moralische Grenzen längst überschritten sind. Man nutzt einander aus, missbraucht, mordet sogar. Hier entsteht aus dem gnadenlos genauen, zugleich grotesken Beschreiben von Körpern, Begehren, Scham und Klassensymbolen eine Wahrnehmungsintensität, die banale Szenen ins Surreale kippen lässt. MAGIC! Der Blick auf die Körper und in die Gedankenwelten der völlig verrohten Protagonisten ist immer einen entscheidenden Tick zu nah dran. Die Erzählerin blickt, wie Gott selbst, von oben herab auf einen bunten Tiergarten, der ihm zum Amusement gereicht. Kein Mitleid. Ganz im Pop-Sinne ist die Sprache Material und Rede, nicht Analyse. Wie geht das ganze aus? Was bleibt übrig von dieser widerwärtigen Gesellschaft? Image ist auf unserer Shortlist, nicht nur weil der Roman uns in diese skurrile Welt entfliehen lässt, sondern weil er uns das Gefühl gibt, dass DAS nicht der Sinn des Lebens sein kann. Für alle, die weiter danach suchen, lest rein. Das ist gute Literatur.
Erschienen im Gutkind-Verlag
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Die Welt hat blaue Haare // Paula Steiner
Blut ist dicker ist als Wasser – und Seife.
Luisa, Ich-Erzählerin, Gymnasiastin, Provinz (sexy Schweinfurt), eine Woche vor den Sommerferien: Erstsex auf der Mädchentoilette, Periodenschmerz, Durchfall, blutige Wattepads im Klo, ein Freund, den sie nicht leiden kann. Und Dunja, das Mädchen mit den blauen Haaren, die alle lieben und die jetzt das Land verlässt. Dazu eine „Entenoma“, die trinkt, fällt, wiederkommt.
Dieser Roman ist Coming-of-Age ohne Weichzeichner, dafür mit radikalem Blick für Körper, Ekel, Scham, Begehren und Gewalt. Die Schule wird zur Bühne für Powerplay und Unsicherheit, zur Kulisse für Poetry-Slams, Orientalismen-Geschwafel von Herrn Buchwald und heimliche Katastrophen in Kabine drei. Luisa denkt darüber nach, ob sie den Tampon vor dem Sex rausgenommen hat, während der blutige Junge seinen Penis im Waschbecken wäscht – und genau in dieser Verschiebung liegt der Witz, der Horror, die Wahrheit. Dunja mit ihren blauen Haaren ist weniger eine Freundin, als vielmehr eine Projektionsfläche, ein Mythos, eine andere mögliche Welt.
Die Jugend wird hier nicht verklärt, sondern zerlegt. Der Roman zeigt, wie sehr Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus durch Klassenzimmer und über elterliche Grillabende wehen, ohne dass der Text sich zur moralischen Predigt macht (auch wenn der Disclaimer zunächst anderes vermuten lässt). Gute Literatur ist nicht egal, gute Literatur dreht sich um Bedeutung: Wer darf begehren? Wie kommen wir heil durch unsere Körperjahre? Gibt es irgendwo eine Zukunft, in der die Welt nicht nur blau gefärbt ist, sondern wirklich anders? Für alle, die wissen wollen, ob man diesen ganzen Wahn überleben kann: lest.Erschienen im Leykam Verlag
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Achtzehnter Stock // Sara Gmuer
Für alle, die wissen, dass die Apokalypse längst begonnen hat – nur still und klebrig.
Die Hitze drückt im 18. Stock, der Beton schwankt wie eine betrunkene Pappel, der Aufzug klemmt voller Sperrmüll, unten schmilzt der Asphalt auf der Frankfurter Allee. Im Inneren: Wanda, alleinerziehende Mutter, ihr fieberkrankes Kind Karlie, eine Nachbarin (Freundin? Rettung?), ein Hausnazi.Wanda will Schauspielerin werden und lernt bei einem Vorsprechen den erfolgreichen Schauspieler Adam Ezra kennen, mit dem sie eine Beziehung beginnt. Schon früh funkt die Realität brutal dazwischen: Karlie muss wegen einer Hirnhautentzündung auf die Intensivstation. Wanda verlässt frühzeitig das Restaurant, in dem alle wichtigen Leute Pläne schmieden.
Wie soll man bitte leben, wenn die Welt heiß läuft, der Aufzug klemmt, das Kind fiebert und niemand zur Rettung eilt? 18. Stock erinnert uns in bedrückender Weise an die naturalistische Novelle Papa Hamlet bei gleichzeitigen The-Great-Gatsby-Vibes. Das prekäre Leben in der Platte, zugleich kurze irreale Fluchtszenarien in Luxushotels. Es geht um alles. Kann sich Wanda die Suche nach dem Sinn des Lebens überhaupt leisten? Wird sie es schaffen, auszubrechen? Wird sie ihre Freunde mitnehmen? Ein Roman, der so geschrieben ist, dass der Kinofilm im Kopf bereits mitläuft. Wir sehen die passenden Schauspieler vor unserem inneren Auge.
Erschienen bei hanserblau
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